Nein

Der Sommer macht seinem Namen zur Zeit alle Ehre und bringt uns bereits in Versuchung zu Jammern…

Wie es sich für warme Sommerabende gehört, haben auch wir gestern Abend einmal mehr Gegrilltes und Salat zu uns genommen. Mein Teller war fast leer gegessen, da fragte mich René, ob ich noch ein Stück Fleisch möchte.  Dankend verneinte ich mit dem Hinweis, dass ich wirklich satt bin. Immer wieder zu einem Streich aufgelegt meinte er: „Ein Moment, ich reiche es dir gleich…!“

Ich lachte und sagte noch einmal nein, doch diesmal etwas lauter, denn mir kam gerade eine Geschichte in den Sinn, die ich kürzlich gelesen habe. Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten fragte ich in die Tischrunde, ob sie die Geschichte vom kleinen und grossen Nein kennen. Kopfschüttelnd und mit grossen Augen begutachtet war ich plötzlich der Mittelpunkt am Tisch.

Ohne zu zögern erzählte ich mit meinen Worten die nachstehende Geschichte von Gisela Braun (Autorin):

Das kleine Nein sitzt auf einer Bank im Park und isst Schokolade. Es ist wirklich sehr klein, richtig winzig und ganz leise. Da kommt eine große, dicke Frau und fragt: „Darf ich mich zu dir setzen?“ Das kleine Nein flüstert leise: „Nein, ich möchte lieber allein sitzen.“ Die große dicke Frau hört nicht hin und setzt sich auf die Bank.

Da kommt ein Junge angerannt und fragt: „Darf ich deine Schokolade haben?“ Das kleine Nein flüstert wieder: „Nein, ich möchte sie gerne selber essen.“ Aber der Junge hört nicht hin, nimmt dem kleinen Nein die Schokolade weg und beginnt, sie zu essen.

Da kommt ein Mann vorbei, den das kleine Nein schon oft im Park gesehen hat und sagt: „Hallo, Kleine. Du siehst nett aus, darf ich dir einen Kuss geben?“ Das kleine Nein flüstert zum dritten Mal: „Nein. Ich will keinen Kuss!“ Aber auch der Mann scheint nicht mehr zu verstehen, geht auf das kleine Nein zu und macht schon einen Kussmund.

Nun verliert das kleine Nein aber endgültig die Geduld. Es steht auf, reckt sich in die Höhe und schreit aus vollem Hals: „Neiiin!“ Und noch mal: „Nein, Nein, Nein! Ich will allein auf meiner Bank sitzen, ich will meine Schokolade selbst essen, und ich will nicht geküsst werden. Lasst mich sofort in Ruhe“

Die große, dicke Frau, der Junge und der Mann machen große Augen: „Warum hast du das nicht gleich gesagt!“ und gehen ihrer Wege. Und wer sitzt jetzt auf der Bank? Nein, nicht ein kleines Nein, sondern ein großes Nein. Es ist groß, stark und laut, und es denkt: “ So ist das also. Wenn man immer leise und schüchtern Nein sagt, hören die Leute nicht hin. Man muss schon laut und deutlich Nein sagen.“

So ist aus dem kleinen Nein ein großes Nein geworden.

Als ich diese Geschichte kürzlich gelesen habe, kam mir in den Sinn, dass ich vor einigen Jahren selbst einmal gesagt habe: man hört mich nicht…  Als ich dann so laut gesprochen habe, dass man mich hören musste, wandten sich wie beim kleinen Nein plötzlich alle Blicke auf mich………………